Das Bachmann-Haus in der Henselstrasse 26
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Themenspaziergang: Auf den Spuren von Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann ist am 25. Juni 1926 In Klagenfurt geboren worden. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg verließ sie die Stadt, hat sich aber lebenslang eine – wenn auch überwiegend kritische – Beziehung zu ihrer Geburtsstadt bewahrt. Sie kehrte bis zu ihrem jähen Lebensende immer wieder zurück. Begleitet uns auf einen Themenspaziergang!

Zwei Texte vor allem sind es, in denen sich Ingeborg Bachmann mit ihrem Klagenfurt auseinandersetzte: „Jugend in einer österreichischen Stadt“ (1961) und „Drei Wege zum See“ (1972). An Schauplätzen dieser Erzählungen und an jugendlichen Lebensstationen der weltberühmten Schriftstellerin und Lyrikerin können sich Berufene ihr nahe fühlen.

Ganz ohne fahrbaren Untersatz wird’s allerdings etwas anstrengend – oder man verteilt den Besuch der Schauplätze über zwei Tage.

In „Drei Wege zum See“ kehrt die Fotografin Elisabeth Matrei zu ihrem alten Vater nach Klagenfurt zurück, um ihre Liebesbeziehungen zu reflektieren und ihren Kindheitserlebnissen nachzuspüren. Dazu gehört der Gang zum Wörthersee wie damals:

„Als Kinder waren sie immer diese Wege mit den Eltern gegangen, weil es Herrn und Frau Matrei nie in den Sinn gekommen wäre, auch nur die Straßenbahn zu nehmen, höchstens zum Heimfahren, oder wenn es regnete, aber zum See ging man zu Fuß.“

Dieser Erinnerung folgend, versucht Elisabeth (Ingeborg), über das Kreuzbergl, den sich kilometerweit auf verschiedenen Höhenniveaus erstreckenden Klagenfurter Hausberg, zum See zu gelangen. Aber immer wieder verfehlt sie ihr Ziel, verläuft sich. Ausgangspunkt ihrer Wanderung ist ein romantisch anmutendes Häuschen in der idyllischen Villen-Gegend am Fuß des Kreuzbergls. Heute ist eine höchst begehrte Immobilienlage.

1. Station: Ingeborg Bachmann Haus

1933 bis 1945 lebte die junge Ingeborg Bachmann mit Eltern und Geschwistern in dem heute reizvoll altmodischen kleinen Reihenhaus in der Henselstraße 22.

Offensichtlich fand Ingeborg die ruhige Vorstadt unterhalb des Kreuzbergls nicht so wirklich spannend. Das Häuschen hatte einen Garten, in dem vorne Rosen gepflanzt werden und hinten kleine Apfelbäume und Ribiselsträucher, umgeben von Nachbarskindern, die alles besser können und besser wissen. Klingt bedingt begeistert – wie gut uns die verwunschene Atmosphäre auch gefallen mag.

“Eines Tages ziehen die Kinder um in die Henselstraße. In ein Haus ohne Hausherr, in eine Siedlung, die unter Hypotheken zahm und engherzig ausgekrochen ist.“

Dem Bachmann Haus steht derzeit eine ambitionierte Zukunft bevor. Die Privatstiftung Kärnten hat beschlossen, das Haus zu erwerben und setzt sich zum Ziel, das Gebäude rasch als Museum und Begegnungsort zu adaptieren. Land Kärnten und Stadt Klagenfurt planen, als gemeinsame Eigentümer die Kosten der Renovierung und Installation zu teilen.

Der in London lebende Bruder Ingeborgs hat sich dafür eingesetzt, dass das Haus öffentlich zugänglich wird und es den politisch Verantwortlichen zum Kauf angeboten.

Nach dem unerwarteten Tod seiner Schwester 1973 in Rom habe er alle persönlichen Besitztümer, Möbel, Bücher nach Klagenfurt geholt und in dem Haus gelagert. Die Bibliothek beinhaltet um die 4.000 Titel, darunter viele mit wertvollen persönlichen Widmungen, unter anderem von Heinrich Böll, Paul Celan, Erich Fried, Max Frisch.

Besonders geeignet für die museale Präsentation hält man das Obergeschoss, Veranda und Garten könnten für Veranstaltungen genutzt werden. Mit den Details beschäftigt sich derzeit eine Arbeitsgruppe, die Führung der Institution soll dem kompetenten Team des Robert Musil Literatur Museums anvertraut werden.

Wer das rosa Haus in seinem so privaten, verträumt-hermetischen Zustand noch ansehen möchte, sollte sich also beeilen.

2. Station: Ingeborg Bachmann Gymnasium

Einen Steinwurf entfernt kann – wer mag, ich persönlich habe drauf nicht ungern verzichtet, weil eh genügend Jahre dort verbracht – die zu meiner Zeit „Mädchengymnasium“ genannte Lehranstalt besichtigen, die heute den Namen ihrer prominentesten Schülerin trägt. Das funktionale Gebäude selbst hat Ingeborg gar nicht gekannt, sein Vorläufergebäude liegt mitten in der Stadt, in der Ursulinengasse. Dort hat das Mädchen Ingeborg 1944 maturiert.

Eine Referenz an die Dichterin ist der jährliche Junior Bachmann Literaturwettbewerb. Unauffällig, aber vielleicht gerade darum bewegend zeigt sich die verrostete Installation auf der kleinen Grünfläche gegenüber dem Gymnasium. Ein Bachmann-Zitat, es stammt aus dem Gedicht „Böhmen liegt am Meer“, ist hier in die Metallscheibe eingeschnitten:

Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres LandIch grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr.

3. Station: Bachmannweg am Kreuzbergl

Es ist auch für manch eingeborenen Klagenfurter nicht immer ganz einfach, sich im weitläufigen Waldgebiet vom Kreuzbergl zurechtzufinden. Man muss bei Abzweigungen höllisch aufpassen.

Vorbei an der Kreuzberglkirche, führt der Bachmannweg (vormals Höhenweg Nr. 1) über die Zillhöhe in die Wörthersee Ostbucht.

Das Strandbad Klagenfurt lassen wir links liegen und gehen ein paar hundert Meter weiter bis zum Halbinsel Maria Loretto, wo der Lendkanal und die Sattnitz sachte und unaufgeregt in den See münden.

4. Station: Halbinsel Maria Loretto

Der Zauber dieses Fleckchens am Ende der Klagenfurter Ostbucht hat sich seit Ingeborgs (Elisabeths) Zeiten magischer Weise trotz ordentlicher Menschenfrequenz hin zum außerordentlich guten Restaurant am Hügel erhalten. Wenn man Glück hat und die Tageszeit unter der Woche richtig wählt, ist man mit ein paar tüchtigen Schwimmern weitgehend allein.

„See und Loretto gehörten für Elisabeth untrennbar zusammen“.

Hier bleiben naturliebende Individualisten unter sich. Vor dem inneren Auge entstehen die Klagenfurter Dreißigerjahre, wenn man sich Ingeborgs Kinderbadefreude beim Anblick der herumtollenden Mäderl vorstellt.

Hier im Hotel auf der ehemaligen Hopfenblütenwiese etablierten die deutschen Juroren nach dem Tod der Künstlerin während des Bachmann-Preises ihr inoffizielles – hauptsächlich nächtlich aktives – Tagungsbüro.

5. Station: Letzte Ruhestätte

Ob das Mietshaus in der Durchlaßstrasse 35 so riesig interessant ist, kann man selbst selbst entscheiden. Ingeborg Bachmann hat hier ihre ersten sieben Lebensjahre verbracht. Der Anblick des Hauses ist aber problemlos in den Spaziergang zu integrieren. Es liegt in der richtigen Richtung zum Flughafen und nach Annabichl.

Den Klagenfurter Zentralfriedhof durchqueren wir Richtung Maria Saaler Berg. Ingeborg Bachmann liegt gemeinsam mit ihren Eltern Matthias und Olga in einem unauffälligen, ganz normalen Familiengrab in braver Reihe der Abteilung XXV.

Ohne pompösen Hinweis. Auf dem schlichten Marmor-Quader sind nur ihre Lebensdaten vermerkt: 1926 – 1973.

6. Station: Denkmäler für Ingeborg Bachmann

Im kleinen Norbert Artner Park nahe dem Stadttheater stand eine Büste der Autorin, die 2006 von Marco Tomasi geschaffen und platziert wurde. Die Skulptur wurde in den ersten Septembertagen 2020 von wohl leidenschaftlichen Literaturfreunden gestohlen und ist nicht wieder aufgetaucht.

Das Robert Musil Literatur Museum besitzt einen wunderbar reduzierten Bronzekopf der Schriftstellerin, ein Werk der Bildhauerin Chrysille Schmitthener-Janssen.

Skulpturen von Köpfen ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Oeuvre. Darunter das Antlitz ihres 2004 verstorbenen Mannes, des Ausnahmekünstlers Viktor Rogy, im Museum Moderner Kunst Kärnten, Abbilder von Robert Musil und des Komponisten Gerhard Lampersberg (beide ebenfalls im Musilhaus) oder das Konterfei von Kaiser Maximilian I. im Rathaus.

In feinfühliger Annäherung hat sich Bella Ban der sensiblen Züge von Ingeborg Bachmann angenommen.Im Museum ist Ingeborg Bachmann eine kleine Ausstellungs-Abteilung gewidmet. Hier gibt es Textfragmente, Zeugnisse und Fotos zu sehen. Der Bachmann-Raum verweist darüber hinaus auf „Ausstellungsstücke“ in der Stadt. Den Besucherinnen und Besuchern des Literaturmuseums steht deshalb auch ein Folder für eine eigenständige Spurensuche zur Verfügung.

Tage der deutschsprachigen Literatur: Ingeborg Bachmann Preis

Biegt man beim Spanheimerhaus an der Villacherstrasse in die Spanheimerstrasse ein (beide Namen bezeichnen ein- und dasselbe Kärntner Herzogsgeschlecht), landet man bald beim Landesstudio des Österreichischen Rundfunks und dem kleinen ORF-Theater, in dem seit seiner Übersiedlung aus dem Stadthaus das Wettlesen um den Bachmann Preis stattfindet.

Ins Leben gerufen haben den Preis bald nach dem Tod von Ingeborg Bachmann im Jahr 1973 in Rom der Kulturpublizist Humbert Fink und der damalige ORF-Landesintendant Ernst Willner, erster Jury-Sprecher war Marcel Reich-Ranicki.

Die neue Auszeichnung für literarische Leistung wurde im gesamten deutschsprachigen Raum schnellstens berühmt, auch weil die Höhe des Preisgeldes. Stolze 100.000 Schilling, dieselbe Summe wie der Große Österreichische Staatspreis – für die Verhältnisse der Siebziger Jahre sensationell hervorstach.

Der allererste Bachmannpreisträger war der Klagenfurter Dichter Gert Jonke, bis heute der einzige Kärntner, der die begehrte Trophäe errungen hat. Auch in Klagenfurt ist der kulturelle Kreis ein kleiner. Bella Ban, die Schöpferin des Denkmals für Ingeborg, ist eine Schwester des Schriftstellers. Das Event wird vom ORF wieder live übertragen.

Ingeborg Bachmann Kuppel

Das Konzept für eine begeh- und bespielbare „Ingeborg Bachmann Kuppel“ zählt zu den ersten von der Kärntner Kulturstiftung geförderten Projekten. Armin Guerino und Gerhard Fresacher mit Alina Zeichen als kuratorischem Beirat errichten eine Art Pavillon aus Spiegelglas.

Das skulpturale Objekt soll überregional auf Wanderschaft gehen. Jedes Jahr wird es an kulturell und gesellschaftlich relevanten Orten im Alpen-Adria Raum aufgestellt und in den verschiedenen Formen zeitgenössischer Kunst aktuellen Themen Raum geben.

Der Start der künstlerischen Intervention im öffentlichen Raum erfolgt in Klagenfurt. Über den Sommer 2021 setzen Gerhard Fresacher und Alina Zeichen den „Geometrischen Heimatroman“ von Gert Jonke zusammen mit Textfragmenten der namensgebenden Ingeborg Bachmann zur Vermessung einer Landschaft um. Dabei verbinden sich die beiden Werke zu einem spannenden literarischen Duett.

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